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Dr. Andreas Hansert

Historiker und Soziologe

Texte, Recherchen und Ausstellungen zu Geschichte, Kultur und Gesellschaft





Aktuelles

 

aktuelle Projekte: Neuerscheinungen





Das Buch rekonstruiert die komplexen Hintergründe für die schnelle Bereitschaft der Verantwortlichen – allen voran des Direktors Rudolf Richter – seit der Machtergreifung 1933 mit den NS-Behörden zu kooperieren und das Führerprinzip am Haus zu etablieren. Im weiteren Verlauf der NS-Zeit zeichnete sich jedoch allmählich eine Abkehr von der NS-Ideologie ab. Vor allem der durch die allgemeine Entwicklung erzwungene Rückzug der jüdischen Mitglieder und jüdischen Mitarbeiter aus dem Senckenberg, besonders der des großen jüdischen Mäzens Arthur von Weinberg, stieß bei den Verantwortlichen auf Missfallen. Behaupten konnte sich die Forschungsinstitution dennoch, wurde sie doch aufgrund der am Haus betriebenen mikropaläontologischen Forschung und deren Bedeutung für die Erdölsuche als kriegswichtig eingestuft.

Nach dem Krieg stellten die Verantwortlichen am Senckenberg sich als Gegner des NS von Anfang an dar. Um diese Lesart zu befördern, schreckte Rudolf Richter, der als Wissenschaftler hohe internationale Anerkennung genoss, nicht vor einer beschönigenden Neufassung der auf die Jahre 1933 bis 1944 datierten Protokolle des Führerbeirats zurück.




ebenfalls 2018 erschienen:

Das Frankfurter Patriziat im stadträumlichen Gefüge, in: Neue Stadtgeschichte(n). Die Reichsstadt Frankfurt im Vergleich, hg. v. Julia A. Schmidt-Funke und Matthias Schnettger, Bielefeld 2018, S. 99-135




In 2017 erschienen:


„… Frau von Schnitzler, reich, mondän und ziemlich intellektuell …“ – Der Salon der Lilly von Schnitzler im Frankfurt der 20er und 30er Jahre, in: Frankfurter Frauengeschichte(n), Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, Bd. 77, hg. von Evelyn Brockhoff und Ursula Kern, Frankfurt 2017, S. 206-220


Sammelleidenschaft ohne Augenmaß. Hugo Eberhardt und das Deutsche Ledermuseum im Nationalsozialismus, in: Leder. Welt. Geschichte. 100 Jahre Deutsches Ledermuseum (1917–2017), hg. v. Inez Florschütz, Bielefeld, Berlin 2017, S. 207-217




Das aktuell laufende Forschungsprojekt:
Offenbacher Kultur in der NS-Zeit

Recherchen zur NS-Geschichte der Kulturinstitute der Stadt Offenbach in der NS-Zeit: Technische Lehranstalten (Vorgängerin der Hochschule für Gestaltung), Deutsches Ledermuseum, Fa. Klingspor u. a.)

Neben institutionellen Belangen stehen die Hauptakteure im Zentrum: Professor Hugo Eberhardt (1874-1959) ‒ in Personalunion Direktor der Schule und Initiator und Leiter des Ledermuseums ‒, Karl Klingspor (1868-1950) und (zumindest anfänglich, aber auch in seiner posthumen Wirkung) der Schriftkünstler Rudolf Koch (1876-1934). Insbesondere Hugo Eberhardt stand einerseits in einer konfliktreichen Beziehung zu niedrigen Parteichargen und NS-Aktivisten aus der Frühzeit des Dritten Reiches (etwa angesichts der Bücherverbrennung im Mai 1933 oder schwerer Denunziationskampagnen gegen ihn und gegen die Schule). Andererseits arrangierte er sich sehr schnell mit führenden staatlichen Repräsentanten des Regimes (insbesondere mit dem Gauleiter, dem Oberbürgermeister, der Ministerialbehörden). Intensiv war er, aber auch die Lehrerschaft insgesamt, darum bemüht, das Erscheinungsbild der Schule ganz auf die NS-Kulturpolitik auszurichten oder warb beharrlich bei den höchsten Vertretern des Regimes um Unterstützung für das Ledermuseum. Dies alles geschah ohne nennenswerte Parteibindung: Erst nach seiner Pensionierung an der Schule trat er 1941 wegen erhoffter besserer Förderungsmöglichkeiten für das Ledermuseum der NSDAP bei. Bislang noch nicht ausgewertete Dokumente deuten darauf hin, dass er bereit war, sich in seinen Handlungen und Haltungen auch in Bereiche vorzuwagen, die aus heutiger Sicht problematisch erscheinen. Vieles davon war in der Nachkriegszeit jedoch nicht bekannt, bzw. wollte nicht zur Kenntnis genommen werden. Seine Lebensarbeit wurde in der jungen Bundesrepublik mit der Ehrenbürgerwürde und dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. 

Der Projekt verucht die Herausforderung darzustellen, vor der die damals verantwortliche Generation von Akteuren durch den zweifachen jähen Systemumbruch von 1933 und 1945 historisch gestellt war, und thematisiert angesichts dieser Rahmenbedingungen die ausgesprochen widersprüchlichen und schillernden Biographien der Protagonisten des Offenbacher Kulturlebens und der Geschichte seiner Institutionen.

Für Anfang 2019 soll es zu dem Thema eine Buchpublikation geben. - Einen vorläufigen Einblick gewährt auch ein Aufsatz über Hugo Eberhardt im NS, der Mitte September 2017 im Katalog des Deutschen Ledermuseums aus Anlass von dessen Hundertjahresjubiläum erscheint.


Das Projekt wird gemeinsam getragen von der Stadt Offenbach und der Hochschule für Gestaltung. 


 

weiteres Projekt:

Mitarbeit an der Edition des Briefwechsels zwischen Ludwig Börne und Jeanette Wohl 1830-1833.
Es handelt sich um ein Briefkonvolut, aus dem Jeanette Wohl durch intensive Redaktionsarbeit dann die sogenannten "Pariser Briefe" entwickelte. Die Edition wird den zugrundeliegenden Orginalbriefwechsel vorstellen.
Herausgeber sind Prof. Dr. Andreas Schulz (Berlin), Prof. Dr. Andreas Fahrmeir (Frankfurt) und Prof. Dr. Christian Wiese (Frankfurt)

zuletzt gehaltene Vorträge:













Vortragsankündigungen:
"Senckenberg-Museum in der NS-Zeit"

30.5. 2018, 18.30 Uhr in der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, Raum D 401, Westflügel:
Neue Forschungsergebnisse zur Geschichte Kunstgewerbeschule Offenbach  (Vorgängerin der HfG) in der NS-Zeit

14.6.2018, 19. Uhr in der Frankfurter Sparkasse
Veranstaltung des Kuratoriums Kulturelles Frankfurt
gemeinsam mit Frau Prof. Scheiblauer: "Die Alstadt weriterdenken. Exemplarische Vergewisserungen"


26.9.2018, 19 Uhr im Klingspor-Museum Offenbach
Karl Klingspor in der NS-Zeit

8.11.2018, Villa Metzler
Veranstaltung des Kunstgewerbevereins Frankfurt
Wieviel Kunstgewerbeschule steckt in der Städelschule?




Berichte, Rezensionen
in Zeitschriften und Medien:
26.1.2018 Berichte in den Frankfurter Tageszeitungen über das Buch "Senckenberg-Forschungsmuseum im Nationalsozialismus".
Ebenso Interviews im Deutschlandradio und im Hessischen Rundfunk (HR2)
Leserbrief an die FAZ
zum Thema "drittes Geschlecht"
insbesondere zu Stefan Hirschausers Artikel
"Im Zwischenraum der Geschlechter"
in der FAZ v. 10.1.2017

der Leserbrief erschien in leicht redigierter
Fassung in der FAZ v. 16.11.2017






Hirschauer legt klar, wie in der modernen Gesellschaft die Kategorie des Geschlechts in gewisser Hinsicht an Bedeutung verliert: bei der Vergabe von Zensuren, bei Gerichtsurteilen, beim Beruf, wo die berufliche Identität für die Person oft wichtiger wird als die geschlechtliche. Das eröffne auch für Menschen, die eine der verschiedenen Varianten des „dritten Geschlechts“ personifizieren (Intersexuelle, Transsexuelle, schon lange Homosexuelle) neue Entfaltungsmöglichkeiten. Nach der „Ehe für alle“ etc. sollen mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts diese Möglichkeiten jetzt auch rechtlich weiter kodifiziert werden. Der permanente Zugewinn an individueller Freiheit, der ein generelles und grundlegendes Charakteristikum der modernen westlichen Gesellschaft ist, findet so auch in der Sphäre des Geschlechts seinen Ausdruck.

Es gibt einen entscheidenden Punkt, an dem sich die quirlige Vielfalt, in der uns die Geschlechtlichkeit immer mehr erscheint, mit großer Klarheit auf das Binäre von Mann und Frau zusammenzieht: die Fortpflanzung. Fortpflanzen kann ein Individuum sich nur entweder durch Gebären oder durch Zeugen, nur als Frau oder als Mann – oder eben, wie das „dritte Geschlecht“, gar nicht. Jedes Individuum ist universell von einer der beiden geschlechtlich gegebenen Möglichkeiten, an der Fortpflanzung teilzuhaben, definitiv ausgeschlossen (oder von beiden), weshalb Mann und Frau zusammenkommen müssen (und sei es in der Petrischale). Da es hier um nichts weniger als um die Hervorbringung der nächsten Generation oder schlicht um die Zukunft der gesamten Art geht, ist diese Frage nicht marginal.

Die freie, jetzt auch vom Verfassungsgericht protegierte Entfaltung aller individuellen Varianten des Geschlechts und des Sexuellen ist begrüßenswert. Zum universalen Motiv der Familiengründung und der dafür unerlässlichen Heterosexualität steht sie gleichwohl in einer unaufhebbaren Spannung. Von hier her wird der Gegenwind naturgemäß nie nachlassen. Mehr denn je können die bunten Drachen ihn jetzt ab dazu nutzen aufzusteigen.



10.11.2017